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Autor: Dieter Hurcks Copyright 7/2009

Eine Radtour auf dem Muldental-Radweg 
Teil 1 - Teil 2- Teil 3 -Teil 4 - Freiberger Mulde, Wörlitz

Einträge für
Zimmervermieter

Quartiere an
Fernradwegen in
Deutschland

Durchs wilde 
Muldistan (1)

In vier Tagen vom winterlichen Erzgebirge an die Elbe: 
Schöneck - Zwickau - Dessau

Es nieselt. Der Himmel ist dicht mit  schmutziggrauen Wolken verhangen. Einigen unserer sechsköpfigen Radlergruppe fröstelt. Eben sind wir mit der Vogtlandbahn in Schöneck angekommen, dem "Balkon des Vogtlandes". Seehöhe: rund 800 Meter. Ganz in der Nähe fließt aus einem Teich die Zwickauer Mulde, die uns, später vereint mit der Freiberger Mulde, von nun an über 300 Kilometer weit begleiten soll.

 

Als Wessis kannten wir das Erzgebirge bis dahin vorwiegend in Zusammenhang mit den Namen berühmter Wintersportler, die in Oberwiesenthal und dem nur wenige Kilometer von Schöneck gleich an der Grenze zu Tschechien liegenden Klingenthal für Olympia trainieren. Aber Schöneck? Davon hatte keiner von uns je zuvor gehört.

Video auf Youtube

Warum also ausgerechnet "die Mulde fahren"? Ein bunter Prospekt, eingesammelt bei einer Messe für alternativen Tourismus in Hannover, brachte den Ortsgruppensprecher der ADFC-OG Burgdorf/Uetze auf die Idee, es mal "ganz weit im Osten" mit dem Radfahren zu probieren und Neuland zu entdecken. So brachen fünf gestandene Männer und eine radfahrerprobte Dame am 20. April 2002 in Burgdorf auf. 6.54 Uhr Abfahrt, Umsteigen in Hannover, Leipzig und Zwickau. Ankunft in Schöneck um kurz nach 14 Uhr.

Auf nach Aue 
Schöneck liegt inmitten des Naturparkes Erzgebirge/Vogtland. Die Schönecker Hochfläche mit ihren riesigen Fichtenwäldern bildet geologisch den westlichen Ausläufer des Erzgebirges. Wegen seiner Höhenlage und der ausgedehnten Nadelwälder ist Schöneck seit Jahrzehnten ein beliebter und stetig mehr besuchter höhenklimatischer Erholungsort, der seit 1962 den Titel "Staatlich anerkannter Erholungsort" tragen darf. Fahrradfahrer allerdings werden dort wie Wesen von einem anderen Stern bestaunt. So kam es den entdeckungsfreudigen Radlern aus Niedersachsen zumindest vor.

Seit dem Jahre 1370 besitzt die heute etwa 4.000 Einwohner zählende Gemeinde das Stadtrecht, berichtet der Chronist. Jahrhundertelang nährten sich die Bürger des Städtchens mühsam von der Waldwirtschaft, dem Ackerbau, der Textilherstellung und seit der Mitte des 17. Jahrhunderts auch von der Herstellung von Musikinstrumenten. Den Namen "Zigarrenstadt des Vogtlandes" führte der Ort bis etwa 1969. Danach folgte die Umstrukturierung dieser Branche zur Produktion von elektronischen Tasteninstrumenten und Verstärkeranlagen.

Während bei der Abreise im niedersächsischen Flachland die Birken schon in sattem Grün standen, brechen hier oben gerade die ersten grünen Spitzen durch die schützende Knospenhülle. Vom Bahnhof fahren wir auf die Landstraße nach Hammerbrücke und weiter vorbei an der Talsperre Muldenberg nach Morgenröthe-Rautenkanz. Auf der nagelneuen Straße herrscht kaum Verkehr. An einem modernen Funkmast vorbei geht es rasant talwärts. Doch die anfängliche Euphorie schwindet schnell, denn immer wieder fordern harte Anstiege unsere Leistungsreserven. Wir merken schnell, dass diese erste Etappe kein Zuckerschlecken sein wird.

In Hammerbrücke lockt eine Historische Stickerei-Schauwerkstatt zur Besichtigung. Der Besucher kann erleben, wie die Spitzen und Stickereien entstehen, die unter dem Markennamen Plauener Spitze weltbekannt wurden. Spitzen und Stickereien sind im Vogtland seit mehr als 150 Jahren zu Hause. Gäste aus aller Welt erfreuen sich in der Schauwerkstatt an den Maschinen aus den 20er Jahren, die jedes Mechanikerherz höher schlagen lassen.

Raumfahrt hautnah 
Wir aber haben uns aus der beinahe unermesslichen Zahl der öffentlichen und privaten Museen in dieser Region die Deutsche Raumfahrtausstellung Morgenröthe-Rautenkranz herausgesucht. Eine echte MIG-21 der sowjetischen Luftwaffe sowie eine mobile Raketenbasis mit Satellitenantenne weisen schon von weitem den Weg zu diesem von einem 1992 gegründeten Verein geführten Museum.

Auf der Internet-Homepage heißt es: "Hauptanliegen dieser deutschlandweit einmaligen Exposition ist es, den Nutzen der Weltraumforschung für die Menschheit einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen. Ausgehend von einem geschichtlichen Abriss über die Erkenntnisse und die Entwicklung der Astronomie und dem Wunsch des Menschen, unseren Heimatplaneten zu verlassen, werden die ersten Flug- und Raketenexperimente vorgestellt. Der Bogen spannt sich dann weiter über die ersten künstlichen Erdtrabanten, die ersten sowjetischen und amerikanischen Männer im All, das Mondlandeprogramm, erdnahe und intergalaktische Satelliten und Sonden, den Raumstationen von damals bis hin zur neuen Internationalen Raumstation."

Wer sich für Technik und speziell für die Raumfahrt interessiert, dürfte hier angesichts der wirklich faszinierenden Ausstellung sicherlich die eine oder andere Stunde verweilen. Echte Raumanzüge und Ausrüstungsgegenstände wie ein Raumfahrthandschuh des Gemini-Programms aus den 60er Jahren gehören zu den Highlights unter den Exponaten. Eine Tafel mit Unterschriften beweist, wie viele Kosmonaten und Astronaten schon persönlich diesem Museum im Geburtsort des ersten DDR-Kosmonaten Sigmund Jähn einen Besuch abgestattet haben. Der Ort hat außerdem als Sehenswürdigkeit noch den historischen Hochofen des ehemaligen Hammerwerkes zu bieten.

Ziel unseres ersten Radeltages jedoch ist die nicht näher rücken wollende Erzgebirgsstadt Aue. Über Eibenstock, vorbei an der gleichnamigen Talsperre, dem größten Trinkwasserspeicher Sachsens, gelangen wir nach Blauenthal, wo Sachsens größter Wasserfall rauscht. Von dort schieben den langen Anstieg ins malerische Sosa mit seinen im 17. Jahrhundert erbauten Fach- und Umgebindehäusern hinauf, um uns gleich hinter dem Gasthof Zum Schützenhaus über einen wildromantischen Weg mit rauschendem Wildbach wieder ins Tal zu stürzen. Kalt weht der Fahrtwind uns entgegen, die Finger in den fingerlosen Radlerhandschuhen werden klamm.

In Bockau, wo jedes Jahr im August die Wurzelkönigin gekürt wird, erreichen wir wieder die Mulde. Diese alte Tradition hat ihre Wurzel übrigens in der Likörherstellung. Denn aus der einst feldmäßig angebauten Angelikawurzel, so berichtet uns die Gästezeitung des Erzgebirges, wurde ein Likör hergestellt. Während Wanderer von hier aus gerne den 1019 m hohen Auersberg in Angriff nehmen, bevorzugen wir möglichst etwas flacherere Strecken. So radeln wir entlang der Aue an einer verfallenden Fabrik und dem verlassenen Bahnhof Bockau vorbei in die Bergbaustadt Aue, die wegen der Zeche Wismut und des gleichnamigen DDR-Oberliga-Fußballklubs sogar vielen Menschen im Westen Deutschlands ein Begriff war. Inzwischen spielt Aue in der 2. Bundesliga.

Die Eisenbahnstrecke im Muldental, die Aue einst einen zweiten Bahnhof bescherte, ist längst still gelegt. Hier spüren wir besonders intensiv, wie hart das Leben in diesem Landstrich sein muss, der schon früher von vielen Auswanderern aus Not verlassen wurde. Das bisschen Industrie, das den Menschen eine einkömmliche Arbeit brachte, wurde von der "Wende" gleichsam weggefegt. Mühsam müssen anstelle der ehemals florierenden Textilindustrie, deren giftige Abwässer einst noch an der Mündung der Mulde in die Elbe bei Dessau in die Nase stiegen, nun neue Arbeitsstellen geschaffen werden. Doch viele junge Menschen haben ihre Heimat bereits gen Westen verlassen.

Ankunft in Aue 
Am Zusammenfluss von Mulde und Schwarzwasser liegt Aue mit zwei prächtigen Kirchen und seinen farbenprächtigen Bürgerhäusern im Stil der Gründerjahre. Besonders interessant sind die schönen, meist mit Jugendstilelementen verzierten Fassaden und Haustüren. Wer Zeit hat, sollte in der rund 20.000 Einwohner zählenden Kreisstadt einen ausgedehnten Spaziergang unternehmen, vielleicht sogar auf den 512 m hoch in Naherholungsgebiet Heidelsberg gelegenen Aussichtsturm klettern. Aues Geschichte ist, wie die vieler Orte des Erzgebirges, eng mit dem Bergbau verbunden. Die Weißerdezeche lieferte 140 Jahre lang das Kaolin für die Porzellanherstellung nach Meißen. Das Blaufarbenwerk produzierte aus dem beim nahen Schneeberg abgebauten Kobald die Farbe Kobaldblau, die auch von den Delfter Kachelbrennern verwendet wurde. Die Bahnhofsbrücke war übrigens die erste Spannbetonbrücke Europas.

 

Wir übernachten, nach 62 km zurückgelegter Strecke, etwas außerhalb von Aue, im Ortsteil Alberoda. Dort bietet uns der Erzgebirgshof der Familie Schettler, ein ehemaliges vogtländisches Bauernhaus, ein komfortables und dennoch preisgünstiges Quartier bei gastfreundlichen und kommunikativen Wirtsleuten. Ausgezeichnetes Frühstück!

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Radwanderkarte

 

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Spickzettel
Route: Muldental-Radweg
(Zwickauer Mulde)
Start/Ziel: Schöneck/Erzgebirge-Dessau 
Bahnanreise: über Leipzig und Zwickau nach Schöneck (Vogtlandbahn)
Länge: 310 km
Schwierigkeit: einige kräftige Anstiege; Wegequalität wechselnd (siehe Bericht) 
Übernachten: Quartiere siehe Bericht(e)
Internet: offizielle Homepage - Dort ist u.a. zu lesen:
"Bitte beachten Sie: Der Muldental- Radwanderweg ist kein künstlich angelegter Radweg. Er verläuft auf wenig befahrenen öffentlichen Straßen. Zum Teil werden Wanderwege genutzt!"
Karte und GPS-Track - KMZ


Radwanderführer
Reisebericht als PDF

Die junge Mulde.

In Morgenröthe-Rautenkranz.

Besuch des Raumfahrt-Museums.

Fußabdruck auf dem Mond (1972).

Raumanzüge von Kosmonauten und Astronauten.

Fluss und Straße nahe beieinander.



Schöne Fabrik bei Blauenthal.




Hoch droben auf dem Berg: malerisches Sosa.




Eine alte Fabrik in Bockau (Vogtland) bei Aue.

 

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