Persönliche Grenzerfahrungen aus erster Hand

„Endlich Rasen“ – ein ungewöhnlicher Blick auf das vereinte Deutschland

Mit dem Mountainbike-Tour auf der Nahtstelle zwischen Ost und West von Hof zur Ostsee

„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ Dieses Zitat des Philosophen Jean-Jacques Rousseau am Ende von Henri Lesewitz´ Roman „Endlich Rasen“ bringt die Gedankenspiele auf den Punkt, die sich wie ein roter Faden durch dieses ungewöhnliche Buch ziehen.

„Endlich Rasen“ berichtet vordergründig über eine Mountainbike-Tour auf dem ehemaligen Grenzstreifen von Hof bis zum Priwall bei Travemünde. Doch das Radfahren ist nur der Aufhänger für tiefgründige Gedanken über die Befindlichkeiten der Menschen diesseits und jenseits der früheren Zonengrenze, über die Veränderungen, die Land und Leuten seit dem Mauerfall widerfahren sind, über die Auswüchse der modernen Gesellschaft und das Verhalten jener, die darin eine Hauptrolle zu spielen glauben.

Lesewitz schafft es mit einer pointierten Sprache und viel Witz, den Leser bei der Stange zu halten.  Seine feine Ironie regt zum Nachdenken an, seine Rückschau auf das eigene Leben in der DDR, das im Alter von 18 Jahren nahtlos in das eines Gesamtdeutschen überging, vermittelt neue Einsichte in ein für viele Westdeutsche auch heute noch fremdes Land, das, so Lesewitz, „auf vereinfachende Weise“ dargestellt worden sei. So könne er sich an Ausdrücke wie „Jahresendfiguren“ für Engel, „Erdmöbel“ für Särge oder „Luftdusche“ für den Fön nicht erinnern.  

Die bildhafte Sprache des aus einem Dorf in Brandenburg stammenden und heute in München lebenden Redakteurs eines Fahrradmagazins ist kraftvoll und schöpferisch: So sind „büroblasse Väter“ und „vollgefrühstückte Strandspaziergänger“ selbsterklärende Kreationen; hinter „minimalistisch möblierten Abfüllterrarien“ verbergen sich stereotype Ketten-Restaurants: Auswüchse einer überdrehten Zivilisationsgesellschaft. FKK und Plattenbauten, Broiler und Trabis, Währungsunion und Ostalgie, Volksmusik und Fahrradfliegen im Harz, Puhdy-Renaissance und Tristesse im gesamtdeutschen Dömitz – alles, was die DDR ausmachte, kommt zur Sprache. Genau wie das, was davon übrig blieb und was man heute daraus macht.

Henri Lesewitz war jugendlicher Radsportler in der DDR mit dem ehrgeizigen Ziel der Olympiateilnahme. Doch Westbeziehungen in der Familie führten dazu, dass er aus dem Leistungskader aussortiert wurde und, nach Überwindung der Schockstarre, seine Heimat plötzlich in ganz anderem Licht sah. Obwohl er weiter hart wie zuvor trainierte, nahm seine Muskelmasse in kurzer Zeit um zehn Kilo ab. Erst da spürte er, dass mit den Pillen, die er von seinen Trainern bekommen hatte, irgend etwas nicht stimmte.

Dieses Erlebnis, missbraucht worden zu sein, versetzte den Autor schließlich in die Lage, quasi aus überhöhter Sicht auf dieses Land zu schauen und die Reise über die Nahtstelle zwischen Ost und West sowie seine Erlebnisse während dieser 1250 km langen Tour literarisch-kritisch und für den Leser höchst aufschlussreich zu verarbeiten. Die zahlreichen Zeitsprünge irritieren manchmal ein wenig. Doch darüber und über gelegentliche sprachliche Schludrigkeiten und Ungenauigkeiten (z.B. Wörbis statt Worbis) lässt sich leichten Herzens hinwegsehen, weil sie den Gesamteindruck dieses Buches nicht zu trüben vermögen: unbedingt lesenswert!

© Dieter Hurcks, 14.10.2010

Henri Lesewitz: Endlich Rasen – Ein Abenteuerversuch auf dem ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifen, Delius Klasing, 288 Seiten 12 Euro, ISBN 9-783-768-832-236

Weitere Infos unter www.delius-klasing.de  

Hier gibt es das Buch:           

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